Weck Azzacov!« – »Geh selbst! Schlimm genug, dass du mich wegen eines kaputten Sensors rufst.« Sergej zog den Reißverschluss des Parkas bis unters Kinn. Winter an der Barentssee, das bedeutete Dunkelheit und unendliche Variationen von Kälte. Und es war erst Anfang Dezember. Das Bohrteam Kola SG-3 zählte die Tage bis zur Weihnachtsablösung – die nach offizieller Doktrin natürlich nichts mit dem Fest zu tun haben durfte.
»Es ist nicht der Sensor! Weiter oben haben wir auch einen Anstieg. Am Bohrkopf sind es …« Joscha überprüfte die Schalttafel, die zu Lenins Zeiten bereits antiquiert gewesen war. »760 °C! Das kann nicht stimmen.«
»Tiefe?« – »Aktuell haben wir das tiefste Loch der Welt. Vierzehn Kilometer.« Joscha klopfte gegen die Anzeigen. »Jetzt 810 °C! Was zur Hölle ist das?« Ein Alarm schrillte los. »Der Bohrer dreht durch!« Joscha hieb auf verschiedene Schalter. »Ein Hohlraum! Rapider Temperaturanstieg!«
Sergej seufzte. »Ich hole Azzacov. Mach Kamera und Mikro fertig. Mal sehen, was da los ist.« Das Team drängte sich um das Steuerpult, als sich auch die Messinstrumente einige Zeit später der neuen Weltrekordmarke von vierzehn Kilometern unter der Erdoberfläche näherten. »Status?« – »Bild ausgefallen, Genosse Azzacov.« Sergej schwitzte jetzt. »Temperatur über 1100 Grad. Das Mikrofon ist sendebereit. Wir erreichen gleich den Hohlraum.« – »Absenkung stoppen! Übertragung auf die Lautsprecher! Wenn da unten Magma ist, will ich es hören!« – »Jawohl, Genosse!« Joscha legte einen Schalter um. Infernalischer Lärm kreischte aus den Boxen. Viel lauter, als es geologische Phänomene hätten sein dürfen.
»Filtern, verdammt!«, brüllte Azzacov. Sergej justierte die Frequenzen, bis das Signal glasklar durch die Kommandozentrale schnitt. Ihm gefror das Blut in den Adern.
»Mein Gott!«, entfuhr es Joscha. Selbst Azzacov bekreuzigte sich. Das Mikrofon im Bohrloch übertrug Schreie an die Oberfläche. Millionen menschliche Kehlen schrien in unsagbarer Qual und grenzenloser Verzweiflung. Vierzehn Kilometer unter der Erde.